Schleierhaft war ihr Motiv, rätselhaft ihre Identität. Politische Forderungen erhoben sie keine, und ihre Erpresserbriefe ergaben absolut keinen Sinn. „Et muss en Décke sinn“, murmelte das ahnungslose Volk, ansonsten hätte man ihn ja schon längst geschnappt!
Nein, der „Bommeleeër“ ist kein unheimliches Schreckgespenst, das mehr als 20 Jahre nach den Attentaten noch immer durch die Köpfe von Ermittlern und Staatsanwälten wabert. Die Dunkelmänner von damals haben inzwischen klare Gesichtszüge, sie tragen Namen, die man fast schon aufs Papier bringen könnte.
Dabei war es ein Foto aus der Zeitung, das die Mauer des Schweigens zum Bröckeln brachte: Ein Foto aus den Archiven des „Luxemburger Wort“, geschossen vor etlichen Jahren in einer spannungsgeladenen Nacht nach einem der vielen Attentate aus der Zeit des Zitterns und Bangens. Nun könnte dieser Schwarz-Weiß-Abzug vom Attentat auf die Heilig-Geist-Kasematten zum Menetekel für die Dunkelmänner im Dunstkreis der Bommeleeër-Affäre werden. Ja, die Macht des Bildes!
Dieses verhängnisvolle Foto entstand am 5. Juli 1985. Darauf will sich – fast 30 Jahre später – ein Elitepolizist von damals erkannt haben. Als Zeuge tritt er auf und verstrickt sich schnell in den Fängen der Justiz. Ein Brief kommt plötzlich mit ins Spiel, ein rezentes Schreiben, also kein Papier, an das man sich beim besten Willen nicht mehr erinnern könnte, und es folgen Widersprüche, wohl auch Lügen und Meineid.
Der zweite Paukenschlag im Bommeleeër-Prozess ist dann das mysteriöse Verschwinden von Beweismaterial, das einem Zeugen aus der allerhöchsten Polizeispitze zur Last gelegt wird.
Man kann bereits zum jetzigen Zeitpunkt des Prozesses eine erste Zwischenbilanz ziehen und ganz klar ausrufen: Welch ein Trauerspiel, welch eine Blamage für eine Polizei, deren Elite von damals ein schändliches Bild abgibt! Der Prozess offenbart eine Polizeispitze, die taumelt zwischen auffälligem Gedächtnisschwund und offenkundiger Inkompetenz.
Warum nur war die Polizei zur Zeit des „Bommeleeër“ nicht mehr als ein Schattenjäger? Warum nun diese plötzliche Amnesie von Polizisten, die es gewohnt waren, während vieler Berufsjahre Zusammenhänge zu erkennen, Spuren aufzunehmen, sich den Durchblick zu verschaffen?
„Cui bono?“, möchte man fragen. „Cui bono?“, fragte auch bereits der Generalstaatsanwalt vor zwei Jahren in seiner Anklageschrift zum „Bommeleeër“-Prozess. Wer hat am meisten Profit aus der Attentatserie ziehen können? Die Staatsanwaltschaft ist der Ansicht, dass die mysteriösen Attentate, die genauso plötzlich aufgehört wie sie angefangen hatten, eigentlich einzig und allein nur der Polizei genutzt haben können.
Als die 128 Seiten der Anklageschrift in die Öffentlichkeit gelangten, fragten sich viele, wie kann nur die Staatsanwaltschaft mit solch wenigen Anhaltspunkten zwei Polizisten vor die Richter bringen. So wartete der Ankläger denn. Unerbittlich, hartnäckig, leidenschaftlich. Und nun scheint diese Strategie langsam zu fruchten: Der mühsame Prozess hat es nämlich doch irgendwie geschafft, ein Kartell aus Angst und Schweigen aufzubrechen. Die kommenden Wochen werden für den Bommeleeër-Prozess sicherlich entscheidend sein.
marc.thill@wort.lu