Die Öko-Gretchenfrage
Die „Oekofoire“ feiert am kommenden Wochenende ihr 25. Jubiläum. Anlass genug, eine Bilanz zu ziehen: Zu was wurde diese Messe in 25 Jahren? Die Zahl der Besucher wächst von Jahr zu Jahr an, was bei anderen Verbrauchermessen in den Hallen der LuxExpo längst nicht der Fall ist.

Sollte dies nun ein Beweis dafür sein, dass das okölogische Gewissen der Luxemburger besonders stark ausgeprägt ist?

„Bio“ ist in! Es gibt kaum einen Kaufladen ohne Bio-Gemüse, ohne umweltschonendes Waschmittel. „Bio“ kommt auf den Teller, mehr jedenfalls als Biobauern und Biowinzer in Luxemburg anbauen.

Über den Tellerrand hinweg gelangt das ökologische Gewissen der Luxemburger allerdings weniger. Beim Urlaub achtet kaum jemand auf die CO2-Emissionen, wenn er mit dem Flugzeug reist, und auf den Luxemburger Straßen fahren mehr PS-starke Vierradantriebmodelle als Hybrid- oder Elektro-Fahrzeuge.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust …“ Bio auf dem Teller, Öko für mein Wohlbefinden, nicht aber für das Wohlbefinden der Allgemeinheit!

Die Veranstalter der „Oekofoire“ haben in einer Umfrage festgestellt, dass sich viele Verbraucher im Wildwuchs der Öko-Labels nicht mehr zurechtfinden. Ab und zu zweifeln Käufer, ob auch alles wirklich „bio“ ist, wo „bio“ draufsteht.

Man kann eigentlich nur begrüßen, dass Verbraucher angesichts der unendlichen Werbeflut nicht alles schlucken, was ihnen aufgetischt wird. Kräftig in den gesunden Bio-Apfel reinbeißen mag nicht jeder, der im Bioregal seines Supermarktes steht. Da kommen ab und zu Zweifel auf: Sind Bio-Äpfel aus Argentinien noch „bio“, wenn sie in Luxemburg verkauft werden? Ist der CO2-Abdruck eines Nicht-Bio-Apfels aus Luxemburg nicht doch geringer als jener des Bio-Apfels, der per Schiff oder Flugzeug von der Südhalbkugel nach Luxemburg gebracht wurde?

Verbraucher achten beim Einkauf auch auf die Herkunft ihrer Lebensmittel. Das Vertrauen ist größer in Produkte aus der Nähe. Doch was, wenn nun meine einheimische Bio-Tomate in einem geheizten Treibhaus herangezüchtet wird? Oder mein nichtbiologischer, dafür lokaler Apfel von Herbst bis Frühjahr in einem Kühlhaus schlummert? Ist der nicht vielleicht doch stärker mit Energie behaftet als der Bio-Apfel oder gar Nicht-Bio-Apfel, der im Winter frisch aus der Südhalbkugel kommt?

Ein anderes Beispiel: Soll ich freilaufende Rinder aus Argentien vorziehen oder Hofhaltungstiere in Luxemburg, die eventuell mit Sojabohnen aus Brasilien gefüttert wurden und für deren Anbau man den Amazonas gerodet hat?

Bioanbau, Herkunft, saisonales Produkt – die Faktoren häufen sich. Noch komplizierter wird es, wenn man die Wirtschaftsethik miteinfließen lässt: Fairgehandelt oder nicht? Muss es Quinoa aus Peru sein, nur weil die Körner fairgehandelt wurden? Oder sollte ich doch lieber Weizen oder Mais auftischen, den der Landwirt aus der Nähe angebaut hat? Hat nicht auch er mit schwierigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen?

Essen in einer globalen Welt ist kompliziert geworden. Schmecken tut’s hoffentlich!