Marc Thill

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décembre 2012

Das Krisenrad

Sankt-Nikolaustag, das Fest der Kinder und ein Fest für die Familie: Mütter und Väter blicken in funkelnde Kinderaugen, nehmen sich heute besonders viel Zeit für ihren Nachwuchs. „Zeit geben“ ist das wertvollste Geschenk, das man Kindern machen kann. Spielsachen kommen auch auf den Gabentisch, hoffentlich aber nur sozial und ethisch korrekte. Also bitte, keine Dinger, die flinke Kinderfinger auf schäbigen Werkbänken im fernen Osten angefertigt haben! Kein greller, giftiger Plastikkram „made in China“!

Großes Dilemma: Produkte aus China lassen auch unsere allerliebste Cargolux in die Luft steigen. Die Fernost-Route nach Shanghai und Peking ist hart umkämpft und zugleich auch die wichtigste für die Frachtairline, die in einer tiefen Krise steckt. Ja, die liebe Krise! Man wird sie heute am Nikolaustag nicht ganz vergessen können. Der Mann mit Bart ist längst von dannen, das Weihnachtsfest und der Rutsch ins neue Jahr stehen noch bevor und werden wieder gehen, die Krise aber wird bleiben.

In der Hauptstadt dreht an diesen Tagen neben der „Gëlle Fra“ ein hell erleuchtetes Riesenrad. Selten zuvor steckte Luxemburg in einer solch tiefen Krise, doch noch nie war der „Chrëschtmaart“ dermaßen groß. Flucht in eine Schweinwelt des Merkantilen? Vermutlich! Nach den Festtagen wird das Riesenrad abgetragen, das „Krisenrad“ auf dem „Rëschtmaart“ aber wird weiter drehen.

Und es dreht auch das Rad der Zeit: Zeit für Rückblick, Zeit für Ausblick! Ein Jahr geht zur Neige, ein neues steht vor der Tür. Was brachte uns 2012? Was wird uns 2013 bringen? Was war uns in den letzten zwölf Monaten wichtig? Und was war uns nicht wichtig genug? Was prägte das Jahr? Was wird zu Geschichte? Was wird man schnell wieder vergessen?

Aus der Sicht des Journalisten war 2012 ganz klar ein gutes Jahr. Kein Wahljahr, aber dennoch „zwölf Monate, zwölf Brüller“, wie es im Fachjargon der emsigen Medien heißt.

Die Affären: Ein längst nicht mehr so geheimer Geheimdienst mit geheimen Tonaufnahmen und parlamentarischer Untersuchungskommission, und ein dubioses Stadionprojekt mit ebenfalls mysteriösen Tonaufnahmen, aber ohne parlamentarische Untersuchungskommission.

Schleck und Schleck, die Helden des Volkes: Absturz des älteren Bruders in den Dopingsumpf, Absturz des jüngeren Bruders auf den harten Asphalt. Und nochmals Sport, diesmal aber mit ausgeliehenen Helden: Chisora und Haye, zwei britische Skandal-Boxer unter Luxemburger Flagge. Man wird sie schnell wieder vergessen …

Rauchende Colts in der Politik: Viel Rauch um ein Rauchgesetz und um eine Schulreform, die beide stocken. Eine Rentenreform und ein sorgloser Umgang mit ungeborenem Leben.

Viel Rauch hier, weniger da: Industrieschlote spien 2013 bei weitem weniger Rauch. ArcelorMittal, Guardian Luxguard, Hyosung Wire, Cargolux – Stellenabbau und Werksschließungen.

Rauch und Schall – die Hochzeit am großherzoglichen Hof. Luxemburg freute sich mit dem Thronfolger und dessen Braut. 2012, ein Jahr mit viel Ecken und Kanten. Doch – wie schon gesagt – das Räderwerk dreht weiter, das „Krisenrad“ leider auch.

Dec 9, 2012
Geschenke aus der Wüste

Luxemburg steckt in einer tiefen Krise, und die Zukunft sieht alles andere als rosig aus. Die Organisation für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit hat ein düsteres Bild gemalt, und die Presse schreibt von „Horror-Visionen“ der OECD.

Die Stahlindustrie, einst Reichtum des Landes, ist Vergangenheit, die Finanzwirtschaft steht auf wackeligen Füßen, und die Wissensgesellschaft wird wohl noch sobald nicht die neue Lokomotive der Luxemburger Wirtschaft sein. Luxemburg droht also wieder zu einem „Gromperegrandduché“ zu werden. Vielleicht will ja die Regierung genau dies verhindern und hat deshalb seine Minister für Wirtschaft und Finanzen nach Katar in die Wüste geschickt und die „Geschenke aus dem Morgenland“ angenommen.

Nun fliegt das Emirat auf Cargolux und hat zwei Banken unter die Fittiche genommen, BIL und KBL. Da nun aber Cargolux, „eine Perle der Luxemburger Wirtschaft“, rote Zahlen schreibt, werden kritische Stimmen laut, die das blinde Vertrauen der Regierung in die investitionshungrigen Scheichs nicht so einfach billigen wollen.

Zunächst Erna Hennicot-Schoepges: Ihr politischer Einfluss ist geringer geworden, ihre Stimme aber noch immer präsent: Die frühere Kulturministerin, Kammerpräsidentin und CSV-Vorsitzende hat auf ihrem Blog den Katar-Deal heftig kritisiert. Der mit dem Erbgroßherzog befreundete Herrscher des Katars habe sich unbeliebt gemacht, nachdem er in der einnahmeträchtigen Cargolux durch die Hintertür soviel Einfluss habe gewinnen können, schreibt Frau Hennicot. Nun zittere die Belegschaft, der Standort sei in Gefahr.

Auch der ehemalige Vorsitzende der Luxemburger Sektion von Amnesty International, Robert Altmann, hat sich zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief an die Regierung erinnert er daran, dass heute vor genau einem Jahr, am 16. November 2011, der katarische Dichter Mohammed al-Ajami verhaftet wurde, nachdem dieser den Scheich Hamad Bin Chalifa El Thani, Emir des Katars, in einem Gedicht offen kritisiert hatte. Inzwischen wird dem Dichter Beleidigung des Staatschefs angekreidet.

Dafür riskiert er, in einem geheimen Justizverfahren zum Tode verurteilt zu werden. Sein Gedicht „Jasmine Poem“ hatte er 2011 während des arabischen Frühlings geschrieben. Zitat: „Wir alle sind ein Tunesien, das einer repressiven Elite gegenüber steht.“ Das ewige Dilemma: Der Spagat zwischen Geschäftemacherei und Menschenrechten, zwischen Realpolitik und Freiheit. Müssen wir wirklich billigen, dass bei unserem Geschäftspartner Katar die Meinungsfreiheit unterdrückt wird?

Dass der katarische Emir die radikal-islamischen Hamas in Palästina, die in Europa als Terrororganisation eingestuft wird, mit 400 Mio. Euro beschenkt? Dass Katar im Norden Malis – übrigens Zielland der Luxemburger Kooperation – Islamisten und Salafisten unterstützt? Nur damit der finanzkräftige Emir der kränkelnden Luxemburger Wirtschaft unter die Arme greift?

Haben wir bereits dermaßen unsere Ehre, unsere Selbstachtung verloren, dass wir nicht mehr dazu gewillt sind, andere, bessere Wege zu suchen und vielleicht unsere Probleme selbst zu lösen?

Dec 9, 2012
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